Rückblick

Zum  30. Jubiläum der Freien Kulturschule       1990 - 2020

Wir danken allen Menschen, die uns auf vielfältigste Weise in den 30 Jahren unseres Bestehens begleiteten, sei es kurzzeitig und intensiv, sei es langjährig im Hintergrund wirkend, sei es als ImpulsgeberInnen neue Wege gehend. Allen BegleiterInnen unserer Arbeit sei unser herzlicher Dank gesagt.

Festvortrag zum 30. Jubiäum

Wenn wir auf das 30. jährige Bestehen der Freien Kulturschule zurückblicken, dann möchte auch ich an dieser Stelle einen kleinen künstlerischen Beitrag geben, in Form dieses Vortrags. Der Titel ist „TUN - LEIDEN - HABEN“.
Mit diesen Begriffen orientiere ich mich an der Kategorien Lehre des Aristoteles. Wobei wir es hier mit 3 Eigenschaften eines Wesens oder einer Substanz zu tun. Es ist die irdische Sicht auf die Sache. Mit Substanz wird hier die Freie Kulturschule e.V. angesprochen.
Es nähert sich jeder, der sich der FKS zuwendet, von einer anderen Seite.
Zu den Zeiten ihrer Gründung blickten wir auf eine zu bildende Gemeinschaft, durch welche wir Kunst, Wissenschaft und Religion verbinden wollten.
Wir hatten alle die Anthroposophie kennengelernt, durch diese und unsere individuellen Bezüge zu ihr und zueinander, kamen wir zu der Formulierung: 

KUNST - KULTUR - THERAPIE


Aus dieser Dreiheit schöpften wir unser Menschenbild, welches uns als angehende Mediziner, PädagogenInnen, ErzieherInnen, TherapeutenInnen und KünstlerInnen inspirierte und Impulse gab. Mein persönlicher Einstieg kam aus der Kunst. Naturverbunden mit einer idealistischen Weltanschauung lebte ich, ohne dies selbst benennen zu können, in einer platonischen Vorstellungswelt.
Die Suche nach einem gemeinsamen Menschenbild gab den Anstoß zur Gründung der Freien Kulturschule e.V.. Wir wollten eine Kulturoase gründen nach dem Vorbild, der in „Koberitz 24“ *1 beschriebenen Lebensgemeinschaft.


Heute möchte ich von einer anderen Seite auf das Getane - Erlittene - und Haben schauen.
Dabei möchte ich einen Brückenschlag schaffen zu der hier derzeit gezeigten Ausstellung „GLÜCK“, welche die Arbeiten von Künstlern aus dem „Offenen Atelier“ zeigen, die in den letzten Jahren entstanden sind.
Aristoteles beschreibt in seiner „EUDEMISCHEN ETHIK“ *2 ein dreifaches Streben der Menschen nach Glück, denn: „das Glück, als Schönstes und Bestes von allem, ist das Lustvollste.“ *3
Zur näheren Bestimmung des Glücks: „Glückliches, seliges, edles Leben aber dürfte in erster Linie auf drei Weisen beruhen, die als die wählenswertesten gelten. Die einen nämlich sehen im theoretischen Wissen das höchste Gut, die anderen in der (ethischen) Tugend, wieder andere in der Lust.“ *4

Im weiteren erfahren wir, das dem einen die Glückseligkeit ein Suchen nach der Erkenntnis der kosmischen Ordnung ist, dem Anderen die Verwirklichung der Tugend innerhalb der Polis (des Staatswesens) gilt, dem Dritten die Glückseligkeit in der Erfüllung des sinnlichen Erlebens liegt.


Diese drei durchdringen sich gegenseitig und in den individuellen Ausprägungen und Durchdringungen finden wir: den Philosophen, den Politiker und den Künstler in uns selbst.


Der Philosoph
Streben nach Erkenntnis - da wird das Glück gesucht, in geordneten Vorstellungen gegenüber der Welt, des Kosmos, dem Universum.
Der Politiker
Die Polis, das Staatswesen hat nach Aristoteles die Aufgabe Freundschaften zu bilden unter den Menschen, denn in der Polis soll die Zerstrittenheit zum Wohle der Menschen vermieden werden. Der Staatsmann soll Freundschaften schaffen.
Der Künstler
Die Suche nach dem Glück über das sinnliche Erleben, findet  in der Kunst seine Verwandlung zum sinnlich-sittlichen Leben - in der Ästhetik.

Kommen wir auf die FREIE KULTURSCHULE E.V. zurück, und Ihr

TUN - LEIDEN – HABEN


TUN
Was tut die Freie Kulturschule e.V.? Zu nächst einmal darf sie für sich beanspruchen den Begriff - KULTURSCHULE - als erste gebildet zu haben. Heute gibt es viele Kulturschulen, sie folgen dem Aufruf des Regierungspräsidiums, werden durch dieses benannt und gefördert.
Das TUN der Freien Kulturschule ist das künstlerische Schaffen. Ist das in Bezug setzen der Kunst zur Wissenschaft und über diese zur Bildung von Kultur. Im Schaffen dieser Verbindung liegt das Heilsame. Denn um mit Goethe zu sprechen:

Wer Kunst und Wissenschaft hat, der hat auch Religion ...“.

Das Ganzheitliche dieses Ansatzes ist Heilendes, in dem es den Menschen mit Geistigem verbindet.


LEIDEN
Das LEIDEN ist ein zweifaches, ich nehme es hier in der passiven Form. Im Sinne von tragen oder ertragen, wir werden mit Freud und Leid konfrontiert. Manchmal kann man Reaktionen eines Menschen nicht gleich ansehen, ob es ein Ausdruck von Freude oder Leid ist, z. B. in der Mimik. Die Erlebnisfähigkeit wird herausgefordert und gesteigert.
Beides kann überwältigen. Die Handhabung einer solchen Übersteigerung, wie sie zum Beispiel in der Bipolaren Störung auftritt, verlangt Aktivitäten, die zur Ausgewogenheit führen, diese finden wir im Therapeutischen.


HABEN
Hier ist nicht äußeres Besitztum gemeint, kein Wohlstand, sondern aktives Vermögen, nicht im Sinne von Kapitalbildung oder der Geldwirtschaft. Vermögen ist die Fähigkeit zum Brückenbau. Die Brücke zu uns selbst und zu anderen. Und die Brücke von „Hüben nach Drüben“, so dass wir nicht nur Alltagsmenschen sind, sondern bewußt Anteil am geistigen Menschen gewinnen, hier ist es die aktive Form des Daseins.

In allen drei Kategorien haben wir es mit einer Doppelnatur zu tun:
TUN -
das „Handwerk“ der Vermittlung, um über die Kunstfertigkeit des Vermittlungsvermögens von der sinnlichen Welt zum geistigen Sein zu kommen.
LEIDEN -
Die Fähigkeit der Überwindung, vom Ausgeliefertsein, zur Gesundheit zu finden, ein sich Stellen zu Freud und Leid.

HABEN -
Das Vermögen gewonnene Erfahrungen in Erkenntnis zu verwandeln, und hieraus wirksam sein können gegen über sich selbst und der Umwelt.

Kehren wir zurück zur Suche nach der GLÜCKSELIGKEIT, der Suche nach dem Glück:


INTELLEKT- WISSEN - WEISHEIT, streben nach höherer Ordnung


POLIS - Streben nach Freundschaft und Bewahren.


SINNLICHES STREBEN - LUST- LEIDENSCHAFT, liefern das schöpferische Potenzial für die Kunst


Die Beschreibung dieser drei Lebensweisen zeigen sich in  individueller Ausprägung in unserem menschlichen Dasein. 
Sie ermöglichen uns eine Standortbestimmung für uns selbst und unser Verhältnis zur Gemeinschaft (Gesellschaft).


 

Zuordnungen

 

 

KUNST

 

KULTUR

 

THERAPIE

 

KÜNSTE

 

WISSENSCHAFTEN

 

RELIGION/ETHIK

 

TUN

 

HABEN

 

LEIDEN


cgkohr 30.10.20

     



*1 Siehe hier zu. „Koberwitz 24“ die Begründung der biologischen Landwirtschaft
Adalbert von Keyserlingk.
*2  Aristoteles, EUDEMISCHE ETHIK, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1962
*3 „Koberwitz 24“ S. 5
*4 „Koberwitz 24“ S. 6